Elbwärts | Roman Hanser

Robert-Walser-Preis und Nicolas-Born-Debütpreis

Wie begegnet man seiner fremd gewordenen Herkunft? – Thilo Krauses eindringlicher Roman über unser Land und unsere Zeit

Ein junges Paar kehrt nach Jahren zurück ins Felsland der Sächsischen Schweiz. Der Wunsch, sich an den Kindheitsorten ein neues Leben aufzubauen, mündet in die Konfrontation mit der Herkunft, aber auch mit einer neuen Fremdheit. Der Erzähler erinnert sich: an den Schulfreund, der damals beim gemeinsamen Klettern sein Bein verlor. An den öffentlichen Tadel in der Schule beim sozialistischen Fahnenappell. Thilo Krauses erster Roman erzählt vom Versuch der Heimkehr in ein fremdgewordenes Land. Es gibt nicht nur Apfelbäume und Elbwiesen, es gibt auch das Sommercamp der Neonazis, und am Misstrauen des Dorfes droht auch das Paar zu scheitern. Ein intensiver Roman über unser Land und unsere Zeit.

Zeitgleich mit dem Roman erschien bei DAV (Der Audio Verlag) die ungekürzte Hörbuchversion, koproduziert von MDR Kultur. Regie führte Steffen Moratz. Eingelesen hat das Buch Nico Holonics, der nach Stationen an Bühnen in Dresden, München und Frankfurt seit 2017 Teil des Berliner Ensembles ist. Für seine Leistungen wurde er mit dem Bayerischen Kunstförderpreis ausgezeichnet.

Im September 2020 wurde die Hörbuchversion in der Sendung Lesezeit auf MDR Kultur ausgestrahlt. „Elbwärts“ im Portrait auf MDR Kultur.

Die ersten Seiten aus „Elbwärts“, gelesen von Nico Holonics:

Material zum Buch

Fünf Fragen an...

Lieber Thilo Krause, in Elbwärts erzählen Sie von Menschen, die nach vielen Jahren wieder in die Kindheitslandschaft ziehen. Ist der Roman auch für Sie eine Art Rückkehr?

Vor knapp 20 Jahren habe ich Dresden verlassen. Seitdem beschäftigt mich die Frage, ob eine Rückkehr in meine Kindheitslandschaften möglich wäre. Die Sächsische Schweiz, wo der Roman spielt, ist für mich über die Jahre immer ein Rückzugsraum gewesen. Ich wollte nochmals spüren, wie es ist, mit wenig Gepäck unterwegs zu sein, barfuß zu klettern und abends ein wenig betrunken in den Sternenhimmel zu schauen. Und gleichzeitig weiß ich, dass eine Rückkehr für mich unmöglich ist. Über die Jahre ist eine politische Stimmung aufgezogen, die mich betroffen, die mich traurig macht.

Sie leben seit vielen Jahren in der Schweiz, also nicht im Land Ihrer Geburt. Was bedeutet denn für Sie das Wort Heimat?

Heimat ist natürlich ein schrecklich schwieriges Wort. Obwohl es so zentral für den Roman ist, habe ich versucht, es sparsam zu gebrauchen. Es kommt nur dreimal auf den reichlich 200 Seiten vor. Das Paar im Roman geht von Heimat als einem Ort aus, aber nach und nach schwindet diese anfängliche Idee und es kommt stattdessen eine vergangene Zeit zum Vorschein. Ich selbst kann mich am ehesten noch mit dem Konzept einer geistigen Heimat anfreunden, eine Art und Weise in der Welt zu sein, die sich aus vielen Quellen speist. Vielleicht aus einem Woher und Wohin über Ländergrenzen hinweg, aus Kunst und Sprache, aus der Familie und dem Freundeskreis.

Und das Wort Fremde?

Als Kind der DDR war die Fremde oder das Fremde für mich immer etwas Anziehendes. Ich hatte oft Fernweh, das ich mit Lesen gestillt habe. Jetzt, in der Schweiz, ist das Fremde oft eine Art freundliche Nachbarschaft. In unserem Quartier beträgt der Ausländeranteil 40 Prozent. Wir sind uns alle ein wenig fremd, aber in diesem Fremdsein auch wieder ähnlich. Es ist die Erfahrung, dass man von irgendwoher aufgebrochen ist. Oft schafft man es, eine Sprache zu finden, in der man sich genau davon erzählen kann: wo man hergekommen ist, warum man losgegangen ist, wie es einem geht „in der Fremde“ oder „in der neuen Heimat“ – je nachdem, wie es jeder sieht.

Bisher haben Sie mehrere Bände Gedichte veröffentlicht; wie sind Sie zum Schreiben eines Romans gekommen?

Ich habe mir nie selbst „auferlegt“, einen Roman schreiben zu müssen. Ich hatte die Landschaft, dann sind die Charaktere hinzugekommen und ich konnte nicht aufhören, sie schreibenderweise zu begleiten, um so auch über mein eigenes Leben nachzudenken. Dazu scheinen mir meine Gedichte teils narrativ, als wären es kurze, dichte Erzählstränge. Die Szenen im Roman habe ich mir wiederum wie Gedichte vorgestellt. Ich wollte, dass sie ähnlich geschlossen sind, als könnten sie für sich selbst stehen, aber in der Abfolge aller entfaltet sich dann die Handlung des Romans.

Denkt und schreibt der Autor eines Romans anders als der Autor von Gedichten?

Für mich entspringt alles aus der Sprache. Ich muss einen Ton präsent haben, eine Stimme hören, als würde jemand aus dem Text heraus zu mir sprechen. Das gilt für das Gedicht wie auch für die Prosa. Wenn es nicht klingt, mag ich es nicht lesen.

Stimmen

„Makellose Prosa. Ein Wurf!“ (Manfred Papst, NZZ Bücher am Sonntag)

„Es sind wunderbare Nachrichten für die Literatur deutscher Sprache. Aus der Stummheit ist doch noch ein Triumph der Erzählkunst hervorgegangen, und ein Autor, fernab an der freundlichen Limmat, hat sich als Meister des Innehaltens, Beobachtens und Formulierens erwiesen.“ (Eberhard Geisler, Frankfurter Rundschau)

„Krause beherrscht die Kunst, psychologisch zu erzählen, ohne die Vergangenheit bemüht zu zergliedern. … Entstanden ist so ein Prosastück von schlichter Schönheit. Es lebt nicht von Handlung, sondern von Duktus, Rhythmus und Stil.“ (Alexander Košenina, Frankfurter Allgemeine Zeitung)

„Eine leise und dennoch kraftvoll bildhafte Sprache. … Eine dichte und psychologisch tiefgründige Geschichte über außergewöhnliche Freundschaft und narzisstischen Schmerz. … Thilo Krause hat eine melodiöse Sprache gefunden, die zu begeistern vermag.“ (Mirko Schwanitz, BR2 Kulturwelt)

„Ungewöhnlich und riskant ist in diesem bemerkenswerten Roman, wie politische und subjektiv-emotionale Stränge miteinander verknüpft werden. Es ist eine ästhetische Gratwanderung, ohne die üblichen Absicherungen.“ (Helmut Böttiger, Süddeutsche Zeitung)

„Vielleicht aber ist «Elbwärts» auch etwas ganz anderes. Eine sehr private Geschichte. Dass dieser Roman wie ein Kippbild funktioniert, dass er auf so unbehagliche Weise schillert, macht ihn zu etwas Besonderem.“ (Paul Jandl, Neue Zürcher Zeitung)

„Elbwärts gehört gewiss zu den stärksten Romanen in diesem Bücherherbst.“ (Jürgen Kanold, Südwest Presse)

„Thilo Krauses Elbwärts ist ein stilles und kraftvolles Romandebüt mit viel Musikalität – in der Sprache wie im Erzählrhythmus.“ (Monika von Aufschnaiter, Bayern 2)

Thilo Krause nutzt die Mittel der Literatur: er erklärt nicht, er erzählt. Und das hinterlässt einen starken Eindruck, der nachwirkt. (Cornelia Geißler, Berliner Zeitung)

„Thilo Krause beherrscht die Techniken der Aussparung und Andeutung souverän … Die einzelnen Momentaufnahmen und Handlungsfetzen sind wie Bilder, die vieldeutig sind, stehenbleiben und das nächste auslösen … Ein bemerkenswertes Buch.“ (Helmut Böttiger, Lesart Deutschlandfunk Kultur)

„Die Intensität der Sprache nimmt einen gefangen von der ersten Seite an. So straff gebaute Sätze findet man selten. … [Ein] Roman, der das Poetische und das Politische brillant verbindet.“ (Karin Großmann, Sächsische Zeitung)

Krause schildert diese Erinnerungsexkursionen und Ereignisse in verdichtet-funkelnden Sätzen, in poetischen Bildern und Szenen, in einer glasklar-soghaften Sprache (der in der Hörbuchfassung Nico Holonics einen gelungen-gebrochenen Ausdruck verleiht). Und er tut es durchaus nicht ohne märchenhaft-humoreske Elemente. (Tom Wohlfahrt, Neues Deutschland)

„Es ist ein Roman, in dem ein über Jahre schwelendes Trauma bearbeitet wird. Mit ‚Elbwärts‘ ist Thilo Krause gleichzeitig ein träumerisches Porträt des Elbsandsteingebirges gelungen.“ (Pia Uffelmann, MDR Kultur)

„Krause erzählt auf höchst eindringliche und sprachlich stimmige Weise von der Rückkehr an den zugleich vertrauten und fremd gewordenen Ort der Kindheit im Elbsandsteingebirge nahe der tschechischen Grenze und von der unvermeidlichen Konfrontation mit einem die Existenz überschattenden, in Schweigen eingemauerten Jugendtrauma. In Bildern von großer dichterischer Intensität gelingt es Krause, das Eintauchen-Wollen in eine unwiederbringlich verlorene, nicht mehr zu berichtigende Vergangenheit sinnlich fassbar zu machen.“ (Jurybegründung Robert-Walser-Preis)

„Elbwärts“ ist der Roman eines Autors, der aus eigener historischer und persönlicher Erfahrung schreibt, daraus aber literarische Funken schlagen kann, die selbst Leserinnen und Leser, die nicht wie Thilo Krause in der DDR geboren und dort zur Schule gegangen sind, erreichen. (Erlanger Poetenfest)